Fleißarbeit für klein und groß

In den vergangenen Wochen war es die Aufgabe der SchülerInnen, ihre Home Office Aufgaben zu erledigen und wieder abzugeben. Sie taten dies mehr oder weniger freiwillig, mehr oder weniger fleißig, aber sie taten es. Der Blick der Kinder (und Eltern?) geht immer mit wenigstens einem Auge in Richtung der Benotung durch die Lehrkräfte.

Ich bin nun auch seit einiger Zeit im Home Office, aber keine festen Aufgaben, von denen eine Abgabe erwartet wurde. Ich konnte die Zeit sehr gut nutzen, um zwei große „Unterrichtsbesuche“ (ohne Publikum) durchzuführen. Das ist ohne Klasse eine sehr spannende und komische Erfahrung. Nun sind für mich eigentlich schon Sommerferien, und in dieser Zeit nutze ich die Zeit zum Vorarbeiten. Mit wenigstens einem Auge schiele auch ich in Richtung meiner Abschlussnote und möchte diese so gut es geht ablegen. Daher sitze ich hier mit meinem Pädagogikordner des letzten Schuljahres und verfasse eine Zusammenfassung „Prüfungswissen“. Im nächsten Jahr werden sich die Themen größtenteils wiederholen und ich brauche dann „nur noch“ ergänzen. Am Ende türmen sich aber nicht zweieinhalb Jahre Prüfungswissen, die mit Baby auf dem Arm zusammen gefügt werden wollen.

Für diese Aufgabe lese ich viele meiner Handouts nun zum ersten Mal und bin bei einigen Aussagen dort doch recht verwirrt. Was tue ich, wenn ich mit dem, was ich lese, nicht einverstanden bin?

Im Kapitel „Unterrichtsstörungen“ lese ich nun folgendes unter der Überschrift „Mögliche (außerschulische) Ursachen von Unterrichtsstörungen„: „

Neurobiologische Störungen:

Durch hirnfunktionelle Beeinträchtigungen, wie z.B. ADS, ADHS und Hyperaktivität ohne Aufmerksamkeintsdefizit, können Störungen im Unterricht geschehen. Diese Funktionsstörungen beeinflussen besonders die Aufnahme und Bearbeitung von Sinneseindrücken und die Aufmerksamkeits- und konzentrationssteuerung, also jene Bereiche, die für die Steuerung von Verhalten im Allgemeinen zuständig sind. Abweichende oder fehlerhafte handlungen können daher Folge sein.

Familienprobleme:

Zahlreiche Ehen werden von Krisen heimgesucht. Kinder aus solchen Ehen sind hohen psychischen Spannungen ausgesetzt, die für Fehlverhalten sorgen können. Da Kinder sehr harmoniebedürftig sind, produzieren sie bewusst oder unbewusst Fehlverhaltensweisen, um auseinanderstrebende Eltern zusammen zu halten bzw. diese Harmonie wieder herzustellen.

Familiäre Erziehungsfehler:

Familien können strukturell und systemisch intakt und dennoch für Störverhalten verantwortlich sein. Dann sind Erziehungsfehler häufig die Ursache. Es können sich verschiedene elterlich-erzieherische Stile negativ auf das Verhalten von Kindern auswirken:

  • verwöhnend-permissiver Erziehungsstil: Eltern erlauben zu viel, setzen kaum Grenzen.
  • inkonsistenter Erziehungsstil: pendelt zwischen Härte und Verwöhnung.
  • inkonsequenter Erziehungsstil: fehlende Konsequenz bei Fehlverhalten.
  • vernachlässigender Erziehungsstil: Vernachlässigung des Kindes und emotionale Unterernährung.
  • strafend-unterdrückender Erziehungsstil: zu enge Grenzen, Kaltherzigkeit, harte Strafen.

Gesellschaftliche Einflüsse:

Auch die Gesellschaft kann Störungen bedingen. Positives bzw. richtiges Sozialverhalten wird je nach Gruppenzugehörigkeit unterschiedliche definiert. Zudem ist das Gewaltverhalten, welches den Kindern heutzutage medial und real vorgelebt wird, ein Einflussfaktor. Diese gesellschaftlichen Zustände spiegeln sich in den Kindern und werden auch im Bereich des Unterrichts abgebildet und entladen.“

Da entstehen bei mir so viele Fragen und Impulse. Wenn ich das so lese, denke ich, dass es absolut unmöglich ist, keine dieser Kategorien zu berühren. Entweder machen die Eltern etwas falsch, oder die Kinder haben irgendeine „Störung“, oder die Gesellschaft trägt ihren Teil dazu bei. ADHS ist eine „hirnfunktionelle Beeinträchtigung“, die dann in ausgeprägteren „Fällen“ mit Medikamenten „in den Griff bekommen“ wird. Auch im Erziehungsstil können es Eltern eigentlich nur falsch machen. Zumindest ist das das grundlegende Gefühl, das bei mir beim Lesen dieser Zeilen aufsteigt.

Das klingt doch alles sehr anstrengend und angestrengt. Warum werden Kinder und Eltern/Familien im Schulkontext so schnell pathologisiert und diagnostiziert? Warum können wir Schulmenschen die Kinder nicht nehmen, wie sie sind? Warum dürfen wir das oft auch nicht? Es wird hier mal wieder ÜBER Kinder/Eltern gesprochen statt MIT ihnen. Sie sind die Empfänger unserer pädagogischen Mühen und damit oft Objekte, mit denen etwas gemacht wird (diagnostiziert, begutachtet, gefördert, pathologisiert, therapiert oder gemaßregelt). Ich frage mich, wovor wir Angst haben, dass wir unserem Gegenüber (den Familien, die uns ihre Kinder anvertrauen) nicht die gleiche Subjektivität und Individualität zugestehen können, die wir uns für uns selbst auch wünschen? Warum glauben wir, es besser zu wissen? Und Recht haben zu müssen?

Mit diesen Fragen im Kopf tippe ich mal weiter. Will ja fleißig sein. Für die gute Abschlussnote…

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