Leistungsbewertung

Pädagogikseminar. 11.46 Uhr. Ahoi, wir legen ab. Leistungsbewertung. Der Input ist eine Präsentation über Definition, Arten und Nutzen des Ganzen. Das erste mal verziehe ich innerlich das Gesicht, als Fend’s „Funktionen der Schule“ auf die Leistungsbewertung übertragen werden: Legitimationsfunktion, Sozialisationsfunktion… jaja, da sind wir wieder. Junge Menschen werden in dem Selbstverständnis „erzogen“, dass Zensuren wichtig seien und dass ohne sie unsere Gesellschaft implodieren würde. Unsere Leistungsgesellschaft drillt schon die ganz kleinen auf Konkurrenz und legitimiert sich damit selbst. Die Leistungserwartung der Gesellschaft wird in die Schulen gegeben, diese bringen den Kleinen die Wichtigkeit von Bestleistungen bei und die Schulabgänger sind dann fröhliche Leistungsdenker.

Eine für mich hochinteressante Idee und spannende Frage wurde seitens der Seminarleitung zur Diskussion gestellt: Leistung existiert nicht an sich. Es braucht immer eine Bezugsnorm. Die Sachnorm vergleicht die Leistung des Kindes mit den Erwartungen, die die Aufgabe an das Kind stellt. Die Sozialnorm vergleicht das Kind im Vergleich zum Rest der Lerngruppe. Und die Individualnorm vergleicht das Kind allein mit sich selbst. Schule arbeitet überwiegend mit Ersterem. Was wäre aber nun aber, wenn dies nicht so wäre? Was würde passieren, wenn wir z.B. nur nach der Individualnorm werten würden? Wäre das nicht sehr im Sinne der Kinder? Wir leben zwar in einer Gesellschaft, aber letztlich ist doch jeder Mensch ein Individuum. Wenn den Kindern erlaubt wäre, in ihrem Tempo nur gegen sich selbst (und den inneren Schweinehund) anzutreten… ich glaube das könnte zu durchaus gesünderen Kindern in der Schule führen. Jaja, für die Unterrichtsvorbereitung im herkömmlichen Sinne wär es ein Albtraum, genauso wie für Abschlüsse, wie wir sie kennen. Aber wär das nicht schön?

Ich durfte danach noch eine, wie ich finde, besondere Art der Lernentwicklungsdokumentation vorstellen: den Lernentwicklungsbaum von Michael Leonhard. Das Konzept fand viel Anklang und wurde sehr rund diskutiert. Im Nachgespräch gestand die Seminarleitung, dass es ja noch keine standardisierte Form der Lernentwicklungsdoku für uns Refis gibt und so ein Lernbaum vielleicht eine Idee wäre. Nun haben wir als Seminar schon mal gesammelt und wollen wirklich eine Version für uns entwerfen und sie den Seminarleitern vorstellen. Vielleicht hilft es dann künftigen Refi-Generationen im Studienseminar. Solche konstruktiven Sitzungen, wertschätzenden Gespräche und solche kreativen Anregungen liebe ich!

Und in der Praxis ist es oft sowohl in der Leistungsbewertung (ding dong, es ist Zeugniszeit!) als auch in dem ein oder anderen regulären Lehrerzimmer so oft ÜBER die Kinder geredet statt MIT ihnen. Ich schwanke da zwischen Verständnis fürs Luftablassen und tiefer Traurigkeit. Gleichzeitig frage ich mich, wie meine Lehrer früher wohl über mich im Lehrerzimmer geredet haben… oder vielleicht will ich das auch gar nicht wissen. Wir sind ja alle hier, um es ein bisschen besser zu machen.

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